«Wenn man genau hinhört, schwingen all die verklungenen Töne mit.»

Musik ist eine verrückte Kunst: Jeden Abend spielen wir die gleichen Noten von uralten Komponisten – und jedes Mal erklingt dasselbe irgendwie anders. Musik ist, könnte man sagen, die ewige Wiederholung des Gleichen in stets neuer Form. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn während der Klang beim Musizieren zum Sterben geboren wird, während jeder Ton seinem sicheren Ende entgegenklingt, bleibt jedes Konzert, jede Probe in der Erinnerung allgegenwärtig. Die Träger dieser Erinnerung sind wir Musiker und Sie als Zuhörer.

Für uns Musiker ist es grossartig zu wissen, dass unsere Töne vielleicht verklingen, aber dass sie bei uns, und hoffentlich auch bei Ihnen, einen Nachhall hinterlassen. Dass das, was wir gehört haben, uns nachhaltig prägt: unseren Geschmack, unsere Gefühle, unser Dasein im Jetzt.
Ich freue mich auf die kommenden Wochen, weil gleich zwei Musiker nach Zürich zurückkehren, die das ZKO massgeblich geprägt und ihm ganz unterschiedliche Erinnerungen geschenkt haben: Howard Griffiths und Sir Roger Norrington.

Ich weiss, wovon ich spreche, denn auch meine musikalische Erinnerung hat viele Väter: Grossmeister wie Yehudi Menuhin, aber auch das ZKO. Ich habe es schon 1975 gehört, meine Ohren sind durch seinen Klang geschult. Ich habe sicherlich 80 Konzerte von Edmond de Stoutz genossen, habe unter ihm, unter Howard Griffiths, Muhai Tang und Sir Roger Norrington, musiziert. All die Töne, die wir damals gespielt haben, sind längst verklungen. Aber sie sind Teil unserer Erinnerung geworden – und ich bin mir sicher, wenn man genau hinhört, schwingen sie auch in den Konzerten mit, die wir heute geben.

Sir Roger bringt es in diesem Opus auf den Punkt, wenn er sagt, das Besondere am ZKO sei, dass es so lange zusammenspielt, dass es eine
Familie ist, die einen langen Weg miteinander gegangen ist. Das macht das Ganze auch für mich spannend: Ich bin nun Teil einer Familie, mit der ich einen eigenen Erinnerungskosmos aufbaue.

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