Ist es nicht wahnsinnig, dass die Welt auch 250 Jahre nach der Geburt eines Komponisten noch immer Feuer und Flamme für sein Werk ist? Im Beethoven-Jahr 2020 plant das Fernsehen einen Spielfilm, viele Orchester inszenieren besondere Programme und auch in der Werbung und im alltäglichen Leben ist der Komponist allgegenwärtig. Besonders präsent ist Beethoven naturgemäss in seiner Geburtsstadt Bonn, wo er 2020 mit einer einjährigen Sause gefeiert wird, und zudem in Wien, wo er als Komponist gewirkt hat. Und natürlich sind auch wir als ZKO unter den Gratulanten – und würdigen das Geburtstagskind unter anderem mit drei Abokonzerten.

«Für mich ist Beethoven einer der grössten Komponisten überhaupt.»

Tatsächlich geschieht all dies aus gutem Grund – Beethoven ist für mich einer der grössten Komponisten überhaupt. Nicht umsonst erklingt das kleine Klavierstück «Für Elise» noch heute in vielen Telefon-Warteschlangen, und nicht umsonst ist der Schlusschoral der 9. Sinfonie, die «Ode an die Freude», die Hymne Europas.

Wenn wir in den kommenden Monaten und im nächsten Jahr auf Beethoven zurückblicken, werden wir Parallelen zu unserer Gegenwart erkennen: Beethoven erlebte die radikale Neuordnung Europas. Zunächst unterstützte er Napoleon, dann schrieb er Musik für den Wiener Kongress. Beethoven hoffte auf eine Vereinigung des Kontinents im Zeichen der Humanität und feierte diese Menschlichkeit in seiner Musik: in seiner Oper «Fidelio» ebenso wie in seinen grossen Sinfonien oder in seiner Kammermusik. Fast physisch hat sich der Komponist im Laufe der Jahre in die Weltgeschichte eingeschrieben. Seine Musik rüttelt uns noch heute auf, denn sie bekennt sich kompromisslos zu den grossen Sehnsüchten der Menschen nach Frieden, Liebe und Verbundenheit.

Es ist gut, dass wir in den nächsten Monaten und im nächsten Jahr so viel Beethoven hören werden. Denn seine Musik erinnert uns daran, wie wichtig es ist, unsere chaotische Welt zu ordnen, gerade dann, wenn sie unsicher erscheint. Wie wichtig es ist, eine Haltung einzunehmen – und zu begreifen, dass der Humanismus und die Liebe zum Menschen die Grundlagen aller Musik und aller Geschichte sein sollten.

Die Kolumne lesen Sie auch im aktuellen OPUS.

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