Die Jubiläumssaison beginnt mit dem Anfang und würdigt einen Wiederentdeckten.
TEXT CORINNE HOLTZ

«Ungezwungen beginnt die Musik zu schwingen, von einer Begeisterung befeuert, die auf das Publikum überspringt. Alles Eigenschaften, die zum Markenzeichen des ZKO werden sollten.»

11. Dezember 1945, kurz vor 14.30 Uhr. Das Publikum im Grossen Saal der Tonhalle Zürich ist so ungewöhnlich wie die Uhrzeit des Anlasses. Der Stadtpräsident, ein Regierungsrat, hohe Militärs und Vertreterinnen des Frauenhilfsdienstes der Schweizer Armee (FHD) haben Platz genommen. Auf der Bühne sitzen junge Musikstudierende und überprüfen noch einmal die Stimmung ihrer Instrumente. «Alle waren gekommen, um der Präsidentin und den vielen Tausend Frauen des Frauenhilfsdienstes für ihre grossen Leistungen während der Kriegsjahre zu danken», beschreibt Edmond de Stoutz das erste vergütete Konzert des Zürcher Kammerorchesters, das damals noch namenlos war, sich aber bald als Hausorchester-Vereinigung Zürich bezeichnete.

«Spass» haben und selbstverantwortet Musik machen. «Bevor wir in der Provinz in Orchestergräben verschwinden», in einem Orchester zum Vergnügen spielen. So beginnt die Geschichte des ZKO. Kein Musikkritiker, aber viele hochdekorierte Herren hören zu und würdigen den Einsatz vaterländisch gesinnter Frauen während des Krieges. Der Tonhalle-Debütant Edmond de Stoutz schaut in die Runde und gibt den Auftakt zum Larghetto aus Georg Friedrich Händels Concerto grosso D-Dur op. 6 Nr. 5. Ungezwungen beginnt die Musik zu schwingen, von einer Begeisterung befeuert, die auf das Publikum überspringt. Alles Eigenschaften, die zum Markenzeichen des ZKO werden sollten.

Das ZKO erinnert an diesen historischen Auftritt und eröffnet die Jubiläumssaison mit ebendiesem vor 75 Jahren erklungenen Concerto grosso sowie den nächsten beiden Programmpunkten des Debüts. Das Konzert von 1945 ist der Präsidentin des FHD zu verdanken, Gertrud Haemmerli-Schindler, die sich ausserdem für Frauenrechte einsetzte. Sie war «zufällig» im Haus zum Lindengarten anwesend, als die junge Truppe zum allerersten Mal öffentlich aufspielte. Der frische Ton sprang die Präsidentin an. Sie telefonierte mit Edmond de Stoutz und engagierte ihn und sein Kammerorchester für die Umrahmung der «grossen Feier» mitsamt Ansprachen. Später sollte sie die «ausgezeichnete» Musik loben und dem Dankesschreiben einen «Check in Höhe von Fr. 450.–» beilegen.

Auf Händel folgen im Eröffnungskonzert wie damals zwei Solokantaten, kaum bekannte Perlen des Barock. Die Musik des Norddeutschen Franz Tunder (1614–1667) ist unter Organisten zwar bekannt, verschwindet aber dennoch hinter den stilbildenden Komponisten Jan Pieterszoon Sweelinck und Dieterich Buxtehude. Und von Julius Johann Weiland (um 1605–1663) ist nur eine Handvoll Musik überliefert.

«Spass haben und selbstverantwortet Musik machen – so beginnt die Geschichte des ZKO.»

Wie kommt es, dass einer der wesentlichsten Komponisten der ehemaligen UdSSR vergessen ging? Mieczysław Weinberg (1919–1996) hinterliess über 154 Werke, darunter 26 Sinfonien, sieben Opern sowie Gebrauchsmusik für Film, Theater, Radio und Zirkus. Er war mit Dmitri Schostakowitsch freundschaftlich verbunden und entwickelte einen ganz eigenen, in der polnisch-jüdischen Musikkultur wurzelnden Stil.

Weinbergs feingewobene Musik taugte nicht als Bollwerk gegen Hitler und Stalin. Die Motorik etwa der rhythmusbetonten Musik Schostakowitschs geht ihr ab, ihre Botschaft ist verschlüsselter. Sie erscheint gezügelt und durch den gelegentlichen Einsatz von Klezmer und Jazz sanft.

Weinbergs Musik passte in keine der Schubladen und verstummte. Die Renaissance kam 2010 in Fahrt, als die Bregenzer Festspiele Weinbergs Oper «Die Passagierin» zur szenischen Uraufführung brachten. Kann es gelingen, Auschwitz, den zivilisatorischen Jahrhundertbruch, auf der Opernbühne auszustellen? Das Wagnis hatte sich gelohnt. Die meisterhafte Inszenierung gab Weinberg und mit ihm den Opfern die Stimme zurück. «Viele meiner Werke befassen sich mit dem Thema des Krieges. Das war nicht meine eigene Wahl. Es wurde mir von meinem Schicksal diktiert, vom tragischen Schicksal meiner Verwandten.»

Daniel Hope hat sich auf andere Weise seiner deutschjüdischen Familiengeschichte gestellt. 2007 veröffentlichte er die Spurensuche im Buch «Familienstücke», 2015 folgte mit «Sounds of Hollywood» eine Würdigung der Erfinder der amerikanischen Filmmusik, komponiert von Emigranten aus Europa. An Weinberg erinnert Hope im Rahmen der Saisoneröffnung mit lyrisch ungetrübter Musik aus dem Jahr 1948. Das Concertino ist ein Lied ohne Worte für Violine und Streichorchester.

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