Daniel Hope und das Zürcher Kammerkammerorchester gedenken des vor 20 Jahren verstorbenen Yehudi Menuhin mit einem ganz persönlichen Konzert, in dem Werke von Vivaldi, Mozart, Gershwin und Fletcher auf dem Programm stehen.
Daniel Hope, Sie standen Yehudi Menuhin, der vor 20 Jahren gestorben ist, sehr nahe. Welche Erinnerung haben Sie an seinen Todestag?

Ich war in den Tagen zuvor mit ihm auf Tour, zunächst in Köln, dann in der Tonhalle in Düsseldorf. Da haben wir uns zum letzten Mal verabschiedet – er wollte zwischendurch nach London fliegen, weil es seiner Frau sehr schlecht ging. Ihm selbst aber schien es gut zu gehen. Unser nächstes Treffen sollte nur wenige Tage später in Berlin stattfinden. Meine Mutter, die seine Assistentin war, hatte ihn vom Flughafen in Tegel abgeholt, ihn gesehen und sofort gesagt: Er muss ins Krankenhaus. Und das hat er dann leider nicht mehr verlassen …

Sie haben von seinem Tod also von Ihrer Mutter erfahren?

Nein, leider nicht. Es ging damals alles so schnell. Ich war in Hamburg und habe die Nachricht zunächst im Fernsehen gesehen. Yehudi Menuhins Tod hat ja grosse Wellen geschlagen, was zeigt, wie wichtig er nicht nur in der Welt der Musik, sondern weit darüber hinaus war. Freunde haben mich angerufen und wollten mich trösten oder Hintergründe wissen. Erst danach kam der Anruf meiner Mutter. Wir sind dann – und das werde ich nie vergessen – ins Kempinski-Hotel in Berlin gefahren, um seine Sachen abzuholen. Das waren sehr bedrückende Momente. Und schliesslich hat meine Mutter ihn auf seiner letzten Reise begleitet, im Flugzeug von Berlin nach London. Diese Tage waren für uns alle sehr schwer. Wie viele humorvolle, tiefgründige, musikalische und menschliche Momente haben wir mit Yehudi Menuhin geteilt! Sein Tod kam für uns alle aus dem Nichts. Auf der einen Seite überflutete uns all das, was in einem solchen Moment zu tun ist, auf der anderen Seite war da diese unendlich grosse Trauer
darüber, dass einer der wohl nobelsten Musiker überhaupt gestorben war.

Nun ist sein Tod 20 Jahre her. Doch es scheint, dass grossartige Menschen wie Yehudi Menuhin stets präsent bleiben – viele seiner Aufnahmen und Ideen leben noch immer. Was würden Sie sagen, kristallisiert sich heute als sein wahres Erbe heraus?

Natürlich all seine grossartigen Aufnahmen, seine Pionierarbeit als Musik-Aufklärer, besonders aber seine Erfindung «Live Music Now», mit der er die Musik aus den Konzertsälen holte und an Orte brachte, wo sonst keine Musik erklingt, zum Beispiel in Krankenhäuser, Altersheime oder in Gefängnisse. Es war Yehudi Menuhins felsenfeste Überzeugung, dass Musik für alle Menschen da sein sollte, dass sie für jeden zugänglich sein muss, für Kinder ebenso wie für Senioren, für freie Menschen ebenso wie für solche, die eingesperrt sind. «Live Music Now» ist für mich eines der grössten Vermächtnisse dieses wunderbaren Menschen. Und dann ist da noch seine politische Grösse: der verfolgte Jude, der bereit war, Deutschland nach 1945 wieder die Hand zu reichen. Dieses Vergeben, sein ungebrochener Glaube an die Menschlichkeit – das ist, was mich auch heute noch zutiefst beeindruckt.

Gemeinsam mit dem Zürcher Kammerorchester setzen Sie ihm mit einem eigenen Programm ein Denkmal – wie haben Sie die Stücke ausgewählt?

Das Vivaldi-Doppelkonzert liegt auf der Hand: Es ist das Werk, das ich wahrscheinlich am häufigsten gemeinsam mit Yehudi Menuhin aufgeführt habe. Und Mozart war für ihn immer die grösste musikalische Instanz, vor der er grosse Ehrfurcht hatte. Gerade die «Salzburger Sinfonie» dirigierte er besonders gern.

Es steht aber auch George Gershwin auf dem Programm, die Song Suite für Geige – warum das?

Das ist ein Aspekt von Yehudi Menuhin, der nur wenigen bekannt ist: Der jugendliche Yehudi Menuhin und George Gershwin haben gemeinsam auf Partys in New York musiziert, und Menuhin wollte immer jazzhaft improvisieren. Das gelang ihm allerdings nicht so gut, er brauchte letztlich immer aufgeschriebene Noten. Aber die Freiheit des Jazz, die Gershwin in seiner Musik feierte, bewunderte Menuhin ungemein.

«Am Ende ist Yehudi Menuhin auch ein Knotenpunkt zwischen dem Zürcher Kammerorchester und mir.»

Ausserdem spielen Sie noch ein Auftragswerk des Zürcher Kammerorchesters, ein neues Violinkonzert von Alan Fletcher …

Yehudi Menuhin hat junge Komponisten immer gern gefördert und er war überzeugt davon, dass Auftragswerke sich dafür besonders gut eignen. Ich glaube, dass Alan Fletcher, der ja sehr romantisch und emotional komponiert, ein Komponist ganz nach dem Geschmack Menuhins wäre. Ganz abgesehen davon freut es mich, dass das Zürcher Kammerorchester Menuhin einen Abend widmet. Das ist ein Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass Menuhin immer an dieses Orchester geglaubt hat, dass er es geliebt und gern mit ihm musiziert hat. Und am Ende ist Yehudi Menuhin auch ein Knotenpunkt zwischen dem Zürcher Kammerorchester und mir: Die Konzerte des ZKO am Menuhin Festival Gstaad zählten zu den prägendsten Musikerlebnissen meiner Kindheit. Menuhin war, ist und bleibt ein Vorbild, dem ich so unendlich viel zu verdanken habe. Einer wie er fehlt auch heute noch. ab

Dieses Interview lesen Sie auch im aktuellen OPUS.

Daniel Hope und Yehudi Menuhin

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