Musik beinhaltet für mich immer auch die Begegnung mit wunderbaren Menschen. Mit Freunden, welche die Begabung haben, tiefste Gefühle durch Töne auszudrücken, ja, mehr noch: die mit ihren Instrumenten zuweilen etwas vermitteln, was Worte nicht zu sagen vermögen. Menschen, die vollkommen neue Aspekte herausarbeiten, die neue und vor allen Dingen zutiefst emotionale Geschichten erzählen.

«Jedes Konzert stellt eine neue Ideenwelt vor.»

Das Zürcher Kammerorchester ist auch deshalb so fantastisch, weil es genau solche Menschen zu sich einlädt, sich von ihnen inspirieren lässt und dem Publikum am Ende mit jedem Konzert eine neue Ideenwelt vorstellt. Es ist grossartig, wenn dem Weltklasse-Pianisten Lars Vogt in dieser Ausgabe des Opus besonders ein Wort für das Orchester einfällt: Flexibilität. Denn das bedeutet, dass wir Interesse an den Gedanken anderer haben, dass wir es lieben, ihnen zuzuhören, und dass wir versuchen, Ihnen, liebes Publikum, diese Gedanken so leidenschaftlich und überraschend vorzustellen, wie es nur geht.

Allein in den kommenden Wochen haben wir die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Menschen zu erleben: Es ist bewundernswert, wie sich der Klarinettist David Orlowsky gemeinsam mit dem Vokalensemble SingerPur wochenlang eingeschlossen hat, um einen vollkommen neuen Blick auf die Geschichte des Propheten Jeremia zu werfen. Es ist unglaublich, wie das jahrelange Forschen des Dirigenten Sir Roger Norrington und des Pianisten Robert Levin dazu führt, dass wir Mozart in all seiner Komplexität begreifen. Und es ist wunderbar, wie sich Jolanda Steiner denselben Komponisten vorgenommen hat, um bereits Kinder mit dem «Zauberflöten»-Virus zu infizieren. Auch der grossartige Flötist Maurice Steger sowie der Geiger Enrico Onofri sind Menschen, denen es gelingt, in ihren Programmen ganze Welten zu öffnen – wenn die beiden mit dem ZKO auftreten, erwartet Sie eine abenteuerliche Reise durch das englische Barock.

Musik zu machen ist die Kunst, Geschichten zu erzählen. Es ist die Kunst, sich auf die Erfahrungen anderer Menschen einzulassen und in sie einzutauchen. So entfalten sich am Ende zwischen den Tönen all jene Geschichten, die unsere Gäste aus ihrer Welt über unsere Welt erzählen können.

Die Kolumne lesen Sie auch im aktuellen OPUS.

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